Historie
Mit der Windsbraut durch das vergangene Jahrhundert
Die Windsbraut ist vom Schiffstyp ein Ewer, einer der verschiedensten Typen stählerner kleiner Frachtensegler, die das Bild unserer Küsten noch vor einem Jahrhundert beherrschten. Diese Fahrzeuge waren die letzten Gebrauchsfahrzeuge, die im norddeutschen Revier allein durch Windkraft und Gezeiten und eine mittlerweile nahezu vergessene Art seemännischen Könnens voranbewegt wurden. Gleichzeitig bildeten diese Schiffe den letzten großen – und den kürzesten -Abschnitt der kommerziellen Segelschifffahrt.
Handelssegler waren seit jeher ein wichtiger Bestandteil des Wirtschaftsgefüges an den Küsten, ihre Bauart hatte sich über Jahrhunderte entsprechend der Anforderungen des Reviers und Einsatzzweckes entwickelt. Überall waren es in erster Linie landwirtschaftliche Produkte und andere Bodenerzeugnisse, zu deren Transport diese Fahrzeuge dienten.
Die einsetzende starke Entwicklung der Städte, in denen in erster Linie Handel und Handwerk betrieben wurden, sicherten den kleinen Lastenseglern anschließend über lange Zeit eine weitere große Bedeutung, nämlich der Transport von Nahrungsmitteln und Handelsgütern aus dem Umland in die Städte.
Die Kleinschifffahrt auf der Elbe wurde vor allem durch die stetige Entwicklung der Hansestadt Hamburg und durch die Charakteristik der norddeutschen Landschaft geprägt, Hamburg hatte einen enormen Bedarf an Lebensmitteln, Wirtschaftsgütern und sonstigen Waren aus dem näheren und ferneren Umland, gleichzeitig machten die vielen kleinen Nebenflüsse und Wasserläufe, die von der Geest in die Elbe flossen, einen anderen Transportweg als den auf dem Wasser für lange Zeit unmöglich. Genau diese ermöglichten es aber, nahezu jeden Ort im Hamburger Umland per Schiff zu erreichen.
Mit den Ewern entwickelte sich ein Schiffstyp, der an die Bedingungen seines Fahrtgebietes geradezu ideal angepasst war. Die Schiffsgröße wurde vorgegeben durch die Größe verschiedener Schleusen und Siele in ihrem Fahrtgebiet, um den Schiffen das Vordringen bis in fast jeden Winkel der Küstenregion zu gestatten. Ihre Masten ware klappbar, um das Passieren niedriger Brücken zu ermöglichen. Ein geringer Tiefgang und ein flacher Schiffsboden erlaubte es ihnen, sich an Orten, an denen noch keine Hafenanlagen existierten, bei Ebbe im Deichvorland oder am Strand trockenfallen zu lassen und dort be- und entladen zu werden. Mit der nächsten Flut segelten sie weiter.
Seitenschwerter verbesserten ihre Segeleigenschaften, ohne beim Trockenfallen zu stören. Wo die motorlosen Schiffe nicht segeln konnten, wurden sie in mühseliger Handarbeit durch Treideln oder Staken vorwärts bewegt. Um 1900 existierten auf der Elbe etwa 2000 dieser kleinen Lastensegler, noch bis ca. 1930 wurden sie auf zahlreichen Werften der Region anfangs aus Holz, später ausschließlich aus Stahl erbaut.
Mit der Zeit jedoch gerieten sie zunehmend in Konkurrenz mit modernen Transportmitteln, Eisenbahnen und Dampfschiffen sowie einem immer besser ausgebauten Transportwegenetz zu Land. Wenn auch die weit verzweigten Nebenflüsse mit ihren kleinen Kanälen und engen Schleusen, das Wattenrevier und die flachen Sielhäfen das Überleben der kleinen Frachtschifffahrt in der Region noch einige Jahre sichern sollte, wurde der wirtschaftliche Druck zusehends größer.
In den Folgejahren wurden mehr und mehr dieser alten Segler umgebaut, Masten und Segel wurden entfernt und durch Motoren ersetzt. Nur so konnten sie noch über Jahre weiter in ihrem angestammten Revier fahren, bis ihnen ihre Lebensgrundlage durch Straßen, LKW und Eisenbahnen, aber auch durch Wasserbaumassnahmen, Eindeichung undTrockenlegung, vollständig entzogen wurde.
Einer dieser Elbewer war die Windsbraut, die 1911 auf der Werft von D. Ropers in Stade vollständig aus Stahl erbaut wurde. Auftraggeber war der Schiffer Elfers aus Wischhafen, der seinem Schiff den Namen Windsbraut gab, den es ihr ganzes Leben lang behalten sollte. Leider sind aus dieser Zeit über das Schiff keine Unterlagen erhalten, auch über J. Elfers selbst ist nichts weiter bekannt. Vermutlich ist das Schiff hauptsächlich auf der Unterelbe, ihren Nebenflüssen und den angrenzenden Wattengebieten, möglicherweise auch in den nahen Ostseehäfen in der Frachtfahrt unterwegs gewesen. Wie lange nur gesegelt wurde ist unklar, aber irgendwann im Laufe der Jahre erging es ihr wie den meisten der kleinen Frachtensegler, mit Einbau einer Maschine verschwanden Segel, Masten und Schwerter, ein Steuerhaus rundete das Bild des entstandenen Motorschiffs ab.
Mit zunehmender Entwicklung der Infrastruktur, sinkenden Frachtraten und einem daraus resultierenden Überangebot an Schiffsraum verlor auch die Windsbraut ihr angestammtes Arbeitsrevier. 1947 wurde sie nach Kiel-Laboe verkauft, wo sie als Schrottfischerfahrzeug zum Einsatz kam. 1954 wurde sie erneut verkauft und diente in den Folgjahren als Steinfischer in der Kieler Förde und in Schweden. Die Jahre und der Einsatzzweck hinterließen deutliche Spuren am Rumpf des alten Ewers. Schließlich endete die aktive Fahrtzeit des Schiffes, die Windsbraut wurde von einer Kieler Werft übernommen und fand als Schute und Vorleger Verwendung. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis das alte und mittlerweile stark verwahrloste Schiff den gleichen Weg zur Abwrackwerft gehen würde wie die vielen anderen Seglerrümpfe aus ihrer Zeit.
Doch dann kam es ganz anders. Der Verein „Bildungsschiff Niederelbe“ aus Stade, der zu jener Zeit bereits einen anderen alten Ewer, die Anna-Lisa, als Seminarschiff betreibt, war auf der Suche nach einem zweiten Schiff. Die Mitglieder des Vereins wurden auf den wahrscheinlich letzten in Stade gebauten Ewer, die Windsbraut, aufmerksam und beschlossen, das Schiff zu erwerben und zu restaurieren.
Aus der Idee wurde ein langes Abenteuer. Nach vielen Verhandlungen und schlaflosen Nächten bei den Initiatoren des Vereins und dem Arbeitslosenprojekt Walze in Stade wurden Geldgeber gesucht und schließlich gefunden. In einem zweijährigen Beschäftigungsprojekt mit arbeitslosen Jugendlichen und unzähligen Arbeitsstunden freiwilliger Helfer wurde der verrottete Rumpf wieder ein zu einem vollständig seetüchtigen und stolzen Segelschiff aufgebaut. Am 15. Mai 1992 war der große Tag, an dem die knapp 20 m lange und 5 m breite Windsbraut komplett restauriert und in neuem Glanz im Stader Hafen vorgestellt und ihrer neuen Aufgabe als Seminarschiff übergeben wurde. Der alte Laderaum bietet heute Platz für 17 Gäste, daneben beherbergt er eine gemütliche Messe, die gleichzeitig als Seminarraum genutzt wird sowie eine gut ausgestattete Küche. Von den 5 Kabinen wurden zwei behindertengerecht ausgebaut, so dass es auch Rollstuhlfahrern möglich ist, mit dem Schiff zu segeln.
Seit 1992 ist das Schiff vom Frühjahr bis zum Herbst mit jeweils drei Crewmitgliedern und bis zu 17 Gästen auf der Unterelbe und im Nationalpark Nordfriesisches Wattenmeer unterwegs. Betrieben wird die Windsbraut von Stade vom 1991 gegründeten Verein “Windsbraut e.V. – Verein für ökologisches Lernen und Handeln”. Der Name ist Programm: Die Seminare zu ökologischen Themen verbinden Wissen, Erfahrung und Spass am Segeln in optimaler Weise.
Im nächsten Jahr, 2011, darf die alte Dame ihren 100. Geburtstag feiern!









